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„Gute Arbeit“ - Wie weit ist der Weg zur Gleichstellung? - Tagung der Hans-Böckler-Stiftung

Nur 13% aller Beschäftigten in Deutschland bewerten ihre Arbeit als „gute Arbeit“, während 55% sie als mittelmäßig und 32% sie sogar als schlecht einstufen. Außerdem ist der Gender Pay Gap von 22% auf 24% angestiegen. Wie die Arbeitssituation in Deutschland verbessert werden kann, war Thema auf der Tagung der Hans Böckler Stiftung „Gute Arbeit aus der Gleichstellungs- und Geschlechterperspektive“ am 25. und 26. September 2008 in Berlin. Experten und Expertinnen aus Wissenschaft, betrieblicher Praxis sowie aus Wirtschaft und Politik referierten und diskutierten zu den Themen „gute Arbeit“, Equal Pay, betriebliches Gesundheitsmanagement, Work-Life-Balance und demographischer Wandel.

In dem Eröffnungsvortrag erläuterte Prof. Dr. Maria Funder, Professorin für Soziologie an der Philipps-Universität Marburg, das Leitbild „gute Arbeit“ anhand des DGB-Index „Gute Arbeit“. Dieser misst die Qualität von Arbeit in Deutschland und umfasst insgesamt 15 Arbeitsdimensionen, die in drei Teilindizes gegliedert sind: „Einkommen und Sicherheit“ (z.B. leistungsgerechtes/existenzsicherndes Einkommen), „Belastungen“(z.B. Arbeitsintensität/-anforderungen) und „Ressourcen“ (z.B. Sinngehalt der Arbeit, Arbeitszeitgestaltung, Kollegialität). Funder wies darauf hin, dass in den meisten Betrieben und Unternehmen Deutschlands ein folgenreicher „Egalitätsmythos“ vorherrsche. So werde in der betrieblichen/unternehmerischen Praxis ein Bild von Chancengleichheit und Gleichstellung gezeichnet („Talk“), das nicht die realen Verhältnisse („Action“), nämlich, dass Frauen in der Regel die Vereinbarkeitsarbeit leisten und die damit verbundenen beruflichen Konsequenzen tragen, widerspiegele.
Funders Fazit lautete, dass Konzepte innovativer Arbeitsmarktpolitik heute immer noch systematisch Gender-Aspekte vernachlässigen. Ein umfassendes Konzept von guter Arbeit berücksichtigt die vielfältig unterschiedlichen Arbeits- und Lebenswelten von Frauen und Männern, die Herausforderung, die durch die Entgrenzung von Arbeit und Leben entsteht, und die Qualität der betrieblichen und außerbetrieblichen Arbeitsbereiche. Sowohl eine Verbesserung der Arbeitsbedingungen für Frauen und Männer als auch eine geschlechtergerechte Arbeits- und Lebenswelt ist von dem Erfolg abhängig, normative Ansprüche in der Wirtschaft geltend zu machen.

Ausgewählte Themen der Tagung im Überblick:

Die These der „Feminisierung der Arbeit“ auf dem Prüfstand

Dr. Alexandra Scheele, wissenschaftliche Mitarbeiterin im Bereich Frauenforschung/Soziologie der Geschlechterverhältnisse an der Universität Potsdam, setzte sich mit der Beschäftigungssituation speziell von Frauen auf dem Arbeitsmarkt auseinander. Sie vertrat die These, dass trotz der steigenden Erwerbsbeteiligungsquote von Frauen und des Rückgangs der Erwerbsbeteiligung von Männern seit Beginn der 1990er Jahre keine „Feminisierung der Arbeit“ eingetreten sei. Denn, obwohl Erwerbsbeteiligung von Frauen in den letzten 10 Jahren gestiegen ist, hat dies nicht zu einer vermehrten Vollzeitbeschäftigung geführt. Frauen sind weiterhin hauptsächlich in Teilzeit- oder geringfügiger Beschäftigung vorzufinden. Das Arbeitszeitvolumen hat sich also nicht verändert.

Geschlechterverhältnisse im Niedriglohnsektor

Dr. Claudia Weinkopf, Leiterin der Forschungsabteilung Flexibilität und Sicherheit des Instituts Arbeit und Qualifikation (IAQ), beschrieb die Strukturen des Niedriglohnsektors in Deutschland. Sie stellte die aktuellen Forschungsergebnisse des IAQ vor und zeigte auf, dass Frauen zwei Drittel (68,1%) der Niedriglohnbeschäftigten ausmachen, von denen 60% in Teilzeit oder Minijobs arbeiten. Knapp drei viertel (73,6%) aller Niedriglohnbeschäftigten insgesamt haben eine abgeschlossene Berufsausbildung oder einen akademischen Abschluss und rund drei viertel befinden sich im mittleren Alter (25 bis 54 Jahre). Deutschland hat mittlerweile den größten Niedriglohnanteil in Europa und eine beispiellose Ausdifferenzierung des Lohnes nach unten. Die anderen EU Länder haben entweder einen gesetzlichen Mindestlohn (Spitzengruppe: Niederlande, Belgien, Irland, Frankreich und Luxemburg - der Lohn liegt dort aktuell zwischen 8,33 € und 9,30 € pro Stunde) oder eine deutlich höhere Tarifanbindung. Weinkopf wies darauf hin, dass die Einführung eines Mindestlohns in Deutschland einen wichtigen Beitrag zur Verringerung des Lohnabstandes zwischen Frauen und Männern leisten könnte. Ein gutes Beispiel dafür stellt Großbritannien dar, wo seit der Einführung eines Mindestlohns 1997 die Durchschnittslöhne der vollzeitbeschäftigten Frauen um 5,3% (2006) angestiegen sind.

Ziel Entgeltgleichheit – Definition und rechtliche Erfordernisse

Dr. Karin Tondorf, freie Wissenschaftlerin und Beraterin zu Entgelt- und Gleichstellungspolitik, sprach zur Entgeltungleichheit und definierte, was „gutes“ Geld für gute Arbeit bedeutet, nämlich: Entgelt, das
  • Frauen und Männern eine eigenständige ökonomische Existenz ermöglicht
  • die tatsächlichen Anforderungen/Belastungen an die Arbeit honoriert und Leistung nicht unterbewertet,
  • die Tätigkeiten von Frauen und Männern mit denselben Maßstäben bewertet und
  • keine „Strafpunkte“ bei familienbedingten Erwerbsunterbrechungen gibt.
Für die Verwirklichung des Ziels der Lohngleichheit formulierte Tondorf Handlungsbedarf auf Seiten des Staates, der eine klare Rechtsgrundlage zur Entgeltregelung schaffen müsste. Das AGG sei nicht hinreichend, um in den Tarifparteien gutes Geld für gute Arbeit durchzusetzen, z.B. im Rahmen von Entgeltreformen. Die Personalverantwortlichen und Interessenvertretungen seien gefragt, sich in dieser Hinsicht stärker zu qualifizieren, ebenso wie Frauen, die besser über ihre Rechte informiert sein und von ihnen Gebrauch machen sollten.

Weitere Beiträge der Tagung beschäftigen sich mit den Voraussetzungen für die Arbeitsfähigkeit älterer Arbeitnehmer und Arbeitnehmerinnen, Fragen der Vereinbarkeit von Familie und Beruf speziell für Männer und der Wirkung von Geschlechterstereotypen im Arbeitsalltag von Organisationen.


Weiterführende Literatur und Links:

Hier finden Sie eine Dokumention der Vorträge der Tagung.

Hier finden Sie eine Dokumentation der Tagung „Ursachen für Lohnunterschiede angehen“ des BMFSFJ und der BDA im September 2008.

Mehr zum Thema Gender Pay Gap auf den Seiten des GenderKompetenzZentrums finden Sie hier.

hu
by Administrator last modified 2010-01-02 20:06