You are here: Home Veranstaltungs-, Publikations- und News Archiv News Archiv BuKoF_2009

BuKoF_2009

Gleichstellungspolitik zwischen Solidarisierung und Wettbewerb

Die 21. Jahrestagung der Bundeskonferenz der Frauen- und Gleichstellungsbeauftragten an Hochschulen (BuKoF) fand am 21. – 23. September 2009 im Rahmen des 600-jährigen Jubiläums an der Universität Leipzig statt. Unter dem Titel „Solidarisierung im Wettbewerb. Differenzierung von Gleichstellungspolitik an Hochschulen“ nahmen ca. 170 Frauen- und Gleichstellungsbeauftragte teil. Hintergrund des diesjährigen Tagungsthemas war, dass neue Governance-Strategien des Hochschulmanagements nicht nur das Wettbewerbsverhalten zwischen Hochschulen befördern, sondern die Exzellenzinitiativen, das Professorinnenprogramm oder die forschungsorientierten Gleichstellungsstandards der DFG auch eine Konkurrenz für die Gleichstellungspolitiken der Hochschulen - und damit zwischen Gleichtstellungsbeauftragten – bedeuten.

Die Tagung wurde abends mit einem festlichen Auftakt im Alten Rathaus in Leipzig von hochrangigen Vertreter_innen aus Politik und Wissenschaft eröffnet (siehe Pressemitteilung zum Grußwort von Cornelia Quennet-Thielen, Staatssekretärin im Bundesministerium für Bildung und Forschung, BMBF). In ihrem Festvortrag zeichnete Prof. Dr. Christa Cremer-Renz (Universität Lüneburg) die Herausforderungen einer geschlechtergerechten Hochschule für Wissenschaft, Politik und Management nach.

Bezugnehmend auf das Thema der diesjährigen Jahrestagung moderierte Edit Kirsch-Auwärter, Gleichstellungsbeauftragte der Universität Göttingen und Vorstandsmitglied der BuKoF, die am nächsten Tag anschließenden Vorträge mit einer Frage an, die die angeregten und vielschichtigen Diskussionen in den anschließenden Panels immer wieder bestimmte: „Wie viel Solidarisierung ist in Zeiten des Wettbewerbs nötig, wie viel ist möglich?“

In ihrem Einleitungsvortrag „Gleichstellungsstrategien in unterschiedlichen Hochschulkontexten“ forderte Elisabeth Maurer (Universität Zürich) zweierlei: Eine Folgenabschätzung aktueller hochschulpolitischer Entwicklungen für die Wissenschaft und die Geschlechterverhältnisse in der Wissenschaft einerseits sowie eine Rückbesinnung auf theoretisches, empirisches und politisches Geschlechterwissen andererseits. Sie nahm am Beispiel der gleichstellungspolitischen Praxis an der Universität Zürich theoretisch Bezug auf den „Balanceakt“ zwischen Gleichstellungskonzepten der Gleichheit, Differenz und Dekonstruktion“, die die US-amerikanische Politikwissenschaftlerin und Feministin Nancy Fraser 2001 entwickelt hat. Des weiteren stützte sie sich dabei auf eine vergleichende Systematik der Analyse von Gleichstellungsstrategien in den USA und in Deutschland von Angelika von Wahl.

Eine erste Gelegenheit, untereinander intensiver zu den aktuellen Herausforderungen an Hochschulen ins Gespräch zu kommen, bot sich in einem anschließenden World-Café. Drei Fragen standen zur Diskussion: Wo erlebe ich (notwendige) Konkurrenz? Wo erlebe ich gemeinsame gleichstellungspolitische Ziele und Solidarität? Welche Bedeutung haben dabei Netzwerke wie LaKoF oder BuKoF?

Nachmittags fanden mehrere Panels statt.

In dem Panel „Gleichstellung im Wettbewerb“ diskutierten Vertreterinnen des Kompetenzzentrum Frauen in Wissenschaft und Forschung (CEWS), Jutta Dalhoff, des Centrum für Hochschulentwicklung (CHE), Daniela de Ridder, und eine Vertreterin der Hochschulleitung der Fachhochschule Mittweida/Sachsen, Monika Häußler-Sczepan, drei aktuelle Beispiele für Wettbewerbe im gleichstellungspolitischen Bereich: Das Professorinnenprogramm des BMBF, das Programm „Familie in der Hochschule“ der Robert Bosch Stiftung, des Bundesministeriums für Verkehr, Bau und Stadtentwicklung und des CHE und den Wettbewerb um den Preis „Geschlechtergerechte Hochschule“ des Ministeriums für Innovation, Wissenschaft, Forschung und Technologie (MIWFT) des Landes Nordrhein-Westfalen. Ein Fokus lag hierbei auf der kritischen Diskussion der Rahmenbedingungen der Antragstellung, der Wirksamkeit der Wettbewerbe und der Zuständigkeiten an den Hochschulen. Dabei wurde deutlich, dass die Zeitgleichheit der Erstellung der Konzepte oftmals zu einer „Antragsrhetorik“ führe, die teilweise nicht als „der Sache dienlich“ sei. Einhellige Meinung bestand auf dem Podium deshalb darin, dass Anträge der Hochschulen nicht durch standardisierte „best practice“, sondern nur durch „schlüssige Konzepte“ in Bezug auf die Profile und Verfasstheit der einzelnen Hochschule (und ihrer Gleichstellungsarbeit) sowie die regionalen Bedingungen überzeugen könnten. „Schlechte“ Konzepte im Wettbewerb gingen häufig, so zeigt die Erfahrung, auf fehlende Strukturen (Ausstattung, Budgets, Zeit, Controlling) zurück, da nur so eine Verbindlichkeit in der Umsetzung erreicht werden könne. Des weiteren wurden eine Reihe von unerwünschten Effekten der Wettbewerbssituation reflektiert: So wurde z.B. festgestellt, dass in Ost- und Westdeutschland ein „anderer Diskurs“ vorherrsche, der zu „Übersetzungsproblemen“ in der Antragstellung führe. Auch wurden zu wenig verbindliche Vorgaben bei der Zielsetzung der Auftraggebenden moniert. Außerdem sei das „Matthäus-Prinzip“ („Wer hat, dem wird gegeben“) eine Gefahr, weil so die strukturelle Ungleichheit im Wissenschaftsbereich verstärkt werde. Trotz vielfältiger Problematisierungen und Kritik wurden von allen Seiten aber auch die Gewinn-Seiten der Wettbewerbe hervorgehoben: z.B. Ressourcen- und Reputationsgewinne (neue Stellen und neue Impulse für eine veränderte Hochschulkultur), Vernetzung aktiver Akteur_innen der Gleichstellungspolitik oder auch die Selbsterkennung und Anerkennung vorhandener Stärken und Maßnahmen der Hochschule.

Im Abschlussworkshop, den Sandra Smykalla vom GenderKompetenzZentrum leitete, ist die Frage nach Möglichkeiten und Grenzen der Solidarisierung noch einmal aufgegriffen und in Arbeitsgruppen ziel- und handlungsorientiert diskutiert worden. Der inhaltliche Teil der Tagung endete mit einer Posterausstellung der Ideen und der erarbeiten Ergebnisse sowie politischen als auch praktischen Forderungen, die sich die BuKoF für ihre Weiterarbeit an diesem Thema mit auf den Weg genommen hat.

Im Anschluss an die Tagung fand die Mitgliedsversammlung der BuKoF statt, in der eine Reihe neuer Initiativen beschlossen wurden.

Smy


Erwähnte Literatur:

Fraser, Nancy: Die halbierte Gerechtigkeit : Schlüsselbegriffe des postindustriellen Sozialstaats. 1. Aufl., Frankfurt am Main/ Suhrkamp, 2001

von Wahl, Angelika: Sozialdemokratisch, liberal, konservativ ... Oder europäisch? - Wohin entwickeln sich die Gleichstellungsregime in der EU? Jahrbuch für Europa- und Nordamerika-Studien, Heft 4, S. 257-287, 2000

by Administrator last modified 2010-01-02 20:06