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Daten über ethnische Diskriminierung im Spannungsfeld zwischen sichtbar machen und stigmatisieren - Deutsches Institut für Menschenrecht veröffentlicht Tagungsdokumentation

Daten über ethnische Diskriminierung im Spannungsfeld zwischen sichtbar machen und stigmatisieren

2008 fand im Deutschen Institut für Menschenrechte das Fachgespräch "Datenerhebung zum Erweis ethnischer Diskriminierung" statt. Jetzt hat das Deutsche Institut für Menschenrechte ein Protokoll des Fachgesprächs veröffentlicht, in dem die diskutierten Fragen kompakt nachlesbar sind.

Statistische Daten können dazu beitragen, Diskriminierungen zu belegen und somit faktenbasiert auf Missstände hinzuweisen. Dies macht sie zu einem wichtigen Instrument von Antidiskriminierungspolitik. Allerdings besteht dabei die Gefahr, in der Datenerhebung durch die Kategorienbildung und durch die Aggregation von Massendaten zu einer Homogenisierung oder gar einer Stigmatisierung von Menschengruppen beizutragen.
Besonders offenkundig ist diese generelle Gefahr bei der Erhebung „ethnischer” Daten, also bei Daten, mit denen rassistische Diskriminierung untersucht werden soll. Internationale Menschenrechtsorgane wie die UN oder die Europäsiche Kommission gegen Rassismus und Intolerenz (ECRI) empfehlen, Daten über die Lebenssituation nach ethnischen Gruppen zu erheben, um insbesondere indirekte Diskriminierung sichtbar zu machen und bekämpfen zu können. Dies nahm das Deutsche Institut für Menschenrecht zum Anlass für die Fachtagung, auf der Vertreterinnen und Vertreter aus Zivilgesellschaft, Forschung und Politik grundsätzliche Fragen zu Zielen, Effekten und Methodik „ethnischer” Datenerhebung diskutieren konnten.


Wie Heiner Bielefeldt, Direktor des Deutschen Instituts für Menschenrechte, einleitend erläuterte, besteht bei der Datenerhebung zum Erweis ethnischer Diskriminierung ein Trilemma: Einerseits bestehe, um indirekte und strukturelle, d.h. oft „un-offensichtliche” Diskriminierung bekämpfen zu können, die Notwendigkeit ihrer Aufdeckung, die auch der Wahrnehmung als „Einzelerlebnis” entgegenwirke.
Andererseits werden damit Grundsatzfragen des Datenschutzes und der informationellen Selbstbestimmung berührt – bestimmte Gruppen sind von einem „Generalverdacht”, der eigentlich eher ein „pauschaler Spezialverdacht” sei, stärker betroffen als andere, und somit verletzbarer durch Daten. Zudem sind stigmatisierende Effekte der Erhebung möglich, besonders der Kategorienbildung – Rassismus beginne eben nicht erst bei der negativen Bewertung oder Hierarchisierung von Gruppen, sondern schon bei der Zuordnung zu nicht selbstgewählten Gruppen. Hier liegt die Gefahr der Ethnisierung.

Wie sich diese drei Ebenen zueinander verhalten, und welche praktische Schlussfolgerungen für Forschung und Antidiskriminierungspolitik gezogen werden könnten, wurde kontrovers diskutiert. Die Thesen der einzelnen Vorträge sowie die Linien der Diskussionen können nun im Protokoll des Fachgesprächs kompakt zusammengefasst nachgelesen werden. Vorträge hielten Hendrik Cremer (Deutsches Institut für Menschenrechte), Mario Peucker (Europäisches Forum für Migrationsstudien, Universität Bamberg), Kurt Salentin (Institut für interdisziplinäre Konflikt- und Gewaltforschung, Universität Bielefeld), Alexander Dix (Beauftragte für Datenschutz und Informationsfreiheit des Landes Berlin), Doris Angst (Eidgenössische Kommission gegen Rassismus), Karen Schönwälder (Max Planck Institut zur Erforschung multi-religiöser und multiethnischer Gesellschaften, Göttingen) und Hartmut Reiners (Anti-Rassismus Informations-Centrum, Duisburg).


Das Fachgespräch bot einen äußerst fruchtbaren Austausch und regt dazu an, verschiedene Perspektiven und Debatten miteinander zu verknüpfen.
So weist die Debatte um die Dilemmata der Erhebung „ethnischer Daten” einige Analogien zu Debatten in den Gender Studies auf: Wie kann eine gesellschaftliche Ungleichheitskategorie benannt werden, ohne sie dadurch selbst zu verstärken? Wie kann Gender benannt werden, ohne es zu reifizieren? Die Soziologin Judith Lorber prägte den Begriff vom Gender-Paradox, das darin liege, bei etwas anzusetzen, das demontiert werden solle. Existiert ein analoges „Race-Paradox”? Es wäre fruchtbar, die Akteur_innen in den unterschiedlichen Feldern in einen Austausch über derartige Fragen zu bringen, um von den Erfahrungen mit und Lösungsideen für vergleichbare Herausforderungen gegenseitig zu lernen.
Zielführend wäre sicherlich, sich über das jeweilige Verständnis von Kategorien auszutauschen: Benennt eine Kategorie unterschiedliche Gruppen (z.B. Minderheiten), oder benennt eine Kategorie einen Mechanismus gesellschaftlicher Ungleichheit? Werden entsprechend in der Forschung Erkenntnisse über Gruppen oder über Mechanismen gesucht? Dann wäre weniger von „ethnischen Daten” als von „Daten über Rassismus”, „Equality Data” o.ä. zu sprechen.
Oder kann durch einen partizipativen Prozess gewährleistet werden, dass es nicht zu einem „Forschen über eine Gruppe” kommt, sondern zu einer dem Problem angemessenen Zusammenarbeit zwischen Forschenden und rassisistisch Diskriminierten?
Oder liegt die Herausforderung weniger im Forschungsdesign als in der Rezeption, also darin, missbräuchliche Interpretationen zu verhindern (z.B. Interpretationen als Eigenschaften von Gruppen/ Defiziten, nicht als Ergebnis von Prozessen/ Benachteiligungen)?
Zudem könnten die Debatten um Intersektionalität oder Interdependenzen von Kategorien fruchtbar gemacht werden. Sie haben gezeigt, dass es keine „einzelnen” Kategorien wie Gender oder Ethnizität „in Reinform” gibt, die unabhängig von anderen bestehen und beforscht werden können. Hier liegen Anknüpfungspunkte zur juristischen Debatte um Mehrfachdiskriminierung.

Das Beispiel Großbritannien mit seinen längeren Erfahrungen in dieser Hinsicht (vg. z.B. die Arbeit der EHRC und die Erfahrungen mit „Ethnic Monitoring”) wurde auf dem Fachgespräch mehrfach genannt – daraus könne sicherlich gelernt werden für die Arbeit in Deutschland, wo eine Antidiskriminierungskultur noch aufgebaut werden müsse, wie eine Teilnehmerin sagte.

SeSch
Zur Dokumentation des Fachgesprächs:


Weitere Informationen auf der Homepage des GenderKompetenzZentrums:

by Administrator last modified 2010-01-02 20:06