Aspekte Schule
Schulstrukturen: In Schulen findet sich – wie in anderen Bereichen des Bildungswesens und der Erwerbsarbeit - geschlechtsspezifische Arbeitsteilung oder auch "Segregation". Bestimmte Fächer sind "weiblich" typisiert (z.B. Kunst, Literatur, Fremdsprachen), andere gelten als "männlich" (z.B. Naturwissenschaften, Mathematik). Diese Typisierung schlägt sich in einseitiger Repräsentanz, also dem Überwiegen nur eines Geschlechts sowohl bei den Lehrenden als auch bei den Lernenden, nieder. Dies trägt wiederum zur Typisierung der Fächer bei – und so reproduziert sich eine einseitige Zuweisung selbst (Ursula Adolphy (2004) untersucht dies beispielsweise für den Physikunterricht und schlägt vor, Evaluation und Qualitätsentwicklung mit Gender Mainstreaming zu verknüpfen). Gender Mainstreaming ist eine Strategie, um die Verknüpfung von Geschlecht und bestimmten Fächern und die darin liegende Hierarchisierung von Weiblichkeit und Männlichkeit in der Schule zu thematisieren. GM verfolgt damit das den Schulen vorgegebene Ziel, Ungleichheiten und Diskriminierung zu beseitigen. GM setzt auf Förderung individuellen Potenzials, und das bedeutet auch, Bedürfnisse und Talente vorurteilsfrei zu erkennen und positiv verstärken zu können.
Lehrende: Nicht nur Fächer und Schultypen, sondern auch Lehrende sind in Deutschland geschlechtsbezogen typisiert und zugeordnet. So arbeiten an Grundschulen fast nur Lehrerinnen und kaum Lehrer (horizontale Segregation). In den Führungs- und Funktionsstellen liegt der Frauenanteil niedriger als bei den gesamten Beschäftigten (vertikale Segregation), und zwar in allen Schularten (vgl. Gieß-Stüber/Gramespacher 2004). Gender Mainstreaming stellt Instrumente zur Verfügung, die Gründe für diese Segregation zu analysieren und Maßnahmen darauf auszurichten, Segregation zu beseitigen (Vorschläge, wie die vertikale Segregation im Schuldienst abgebaut werden kann, macht Gosch 2005). Instrumente des GM ermöglichen es, gezielt nachzufragen, warum bestimmte Schultypen für männliche oder weibliche Lehrende weniger oder eher attraktiv sind, welche Maßnahmen diese "Attraktivität" steuern können und welche Folgen mit segregierten Personalstrukturen verknüpft sind.
Heimlicher Lehrplan: Trotz formal gleicher Ausgangsbedingungen und Lernziele für Mädchen und für Jungen beeinflusst ein sogenannter "heimlicher Lehrplan" nach wie vor den Schulalltag. Dieser heimliche Lehrplan wird entscheidend von gesellschaftlichen Vorstellungen geprägt, was ein "richtiger" Junge und ein "richtiges" Mädchen mögen, wissen und können soll. Solche stereotypen Vorstellungen schlagen sich in der gesamten Didaktik nieder, also in Inhalten und Methoden der Kompetenzentwicklung. Gender Mainstreaming ist eine Strategie, die es ermöglicht, Didaktiken, Curricula und Lehrmaterialien im Hinblick auf heimliche Lehrpläne aus Gleichstellungsperspektive zu analysieren. So lassen sich Maßnahmen für diskriminierungsfreie und gleichstellungsfördernde Lehrpläne und deren Umsetzung entwickeln. Gleichstellung von Jungen und von Mädchen in der Schule bedeutet, nicht mehr anhand des Geschlechts zu typisieren. Vielmehr geht es darum, Eigenschaften, Verhaltensweisen, Interessen, Fähigkeiten und Tätigkeiten zu erkennen (was auch bedeutet, geschlechtsspezifische Sozialisation zu berücksichtigen) und auf Unterschiede sachgerecht zu reagieren. So werden Handlungsspielräume für Lehrende und Lernende über tradierte Geschlechterrollen hinaus erweitert.
Herkunft als Risikofaktor: 1999 waren 8,7 % aller Schulentlassenen (von ohne Hauptschulabschluss bis Gymnasialabschluss) Schülerinnen und Schüler mit Migrationshintergrund. Sie sind unter den Jugendlichen mit und ohne Hauptschulabschluss überproportional und bei den Absolventinnen und Absolventen mit Realschulabschluss und mit Hochschulreife unterproportional vertreten. Mehr als 40 % der ausländischen Jugendlichen erreichen höchstens den Hauptschulabschluss. Kinder und Jugendliche mit Migrationshintergrund erreichen, wie die Forschung zur Herkunft zeigt in deutschen Schulen also deutlich geringere Bildungserfolge als Gleichaltrige ohne Migrationshintergrund.
Gender Mainstreaming erzwingt die zielgruppendifferenziertere und diskriminierungsfreie Gestaltung von Schule, also das gleiche Recht auf Bildung und eine tatsächliche Bestenauslese unabhängig von Faktoren wie Herkunft, Geschlecht, sexueller Orientierung etc.. In der Schulplanung wird dann deutlicht, dass Ganztagsschulen für bestimmte Zielgruppen Nachteile ausgleichen können, denn sie ermöglichen neben den formellen Bildungsprozessen der klassischen Unterrichtsschule auch informelle Lernprozesse und fördern die Vereinbarkeit von Familie, Beruf und Privatleben. Das wird auch in einer Stellungnahme des Bundesjugendkuratoriums betont.
Quellen und weiterführende Literatur:
- Landesinstitut für Schule NRW: Schule im Gender Mainstream - Denkanstöße, Erfahrungen, Perspektiven, Soest 2005.
- Landesinstitut für Schule NRW: Reflexive Koedukation
- Artelt, Cordula, et al. (Hg.): PISA 2000 - Zusammenfassung zentraler Befunde, Max-Planck-Institut für Bildungsforschung Berlin 2001, unter http://www.pisa.oecd.org/dataoecd/30/63/33684930.pdf
- Bos, Wilfried et al. (Hg.): Erste Ergebnisse aus IGLU - Schülerleistungen am Ende der vierten Jahrgangsstufe im internationalen Vergleich, Waxmann 2004, unter http://www.erzwiss.uni-hamburg.de/IGLU/home.htm
- Bos, Wilfried et al. (Hg.): IGLU - Einige Länder der Bundesrepublik Deutschland im nationalen und internationalen Vergleich, Waxmann 2004, unter http://www.erzwiss.uni-hamburg.de/IGLU/home.htm
- Bundesministerium für Bildung, Wissenschaft und Kultur, Abteilung für geschlechtsspezifische Bildungsfragen (Hg.): Unterrichtsprinzip "Erziehung zur Gleichstellung von Frauen und Männern - Information und Anregungen zur Umsetzung in der Volksschule, Wien 2001.
- Peschl, Bärbel M.: Geschlechtergerechte Schule. Positionspapier des Frauen und Schule Hessen e.V., 2003, unter www.frauenundschule-hessen.de
- Bund-Länder-Kommission für Bildungsplanung und Forschungsförderung (Hg.): Förderung von Kindern und Jugendlichen mit Migrationshintergrund (Gutachten), Heft 107, Bonn 2003.
- Bundesjugendkuratorium: Auf dem Weg zu einer neuen Schule - Jugendhilfe und Schule in gemeinsamer Verantwortung, Stellungnahme des Bundesjugendkuratoriums zum Investitionsprogramm "Zukunft Bildung und Betreuung" der Bundesregierung zur Schaffung von mehr Ganztagsschulen, Juli 2003
- Vernetzungsstelle für Gleichberechtigung und Frauenbeauftragte: www.genderundschule.de , ein Projekt im Auftrag des Niedersächsischen Kultusministeriums.
- Bundesministerium für Bildung, Wissenschaft und Kultur (Österreich), Abteilung für geschlechtsspezifische Bildungsfragen (Doris Guggenberger): Geschlechtssensible Pädagogik in Kindergarten & Vorschule
- Landesinstitut für Erziehung und Unterricht Stuttgart (LEU) (Hg.): Qualitätsentwicklung und Geschlechtsspezifische Ansätze, in: Lehren und Lernen, 30. Jg. Heft 1/Januar 2004, S. 3-39.
- Gosch, Heiko: Karriere im öffentlichen Dienst – Aufstieg für jederMann: Wenn Schule Schule macht, in: Der Personalrat 2/2005, S. 60-63.
- Gieß-Stüber, Petra / Gramespacher, Elke: Überwindung geschlechtsbezogener sozialer Ungleichheit an Schulen in Baden-Württtemberg durch Gender Mainstreaming? – Ein Problemaufriss und Ausblick auf ein Forschungsprojekt, in: Landesinstitut für Erziehung und Unterricht Stuttgart (LEU) (Hg.): Lehren und Lernen, 30. Jg. Heft 1/Januar 2004, S. 5-10.
- Kompetenzzentrum Technik – Diversity – Chancengleichheit e. V.: Neue Wege für Jungs?! Ein geschlechtsbezogener Blick auf die Situation von Jungen im Übergang Schule-Beruf (Autor: Michael Cremers), Bielefeld 2006
- Landesbildungsserver Baden-Württemberg: Gender und Lesen, Jungen lesen anders - Mädchen auch, unter http://www.schule-bw.de/unterricht/paedagogik/lesefoerderung/gender
- Adolphy, Ursula: Qualitätsentwicklung und Gender Mainstreaming, in: Landesinstitut für Erziehung und Unterricht Stuttgart (LEU) (Hg.): Lehren und Lernen, 30. Jg. Heft 1/Januar 2004, S. 11-15.
- Fachstelle für Gleichberechtigungsfragen des Kantons Zürich FFG (Hg.): Gleichwertige Förderung von Mädchen und Knaben in der Volksschule im Kanton Zürich, Zürich 2001. Darin: Die 10 Qualitätsstandards zur Gleichstellung in der Schule (S. 29)
- Bundesministerium für Bildung, Wissenschaft und Kultur; Österreich: Homepage Erziehung zur Gleichstellung von Frauen und Männern
- KomBi - Kommunikations- und Beratungszentrum homosexueller Frauen und Männer e.V.: Literaturempfehlungen zum Thema sexuelle Identität für Vorschulkinder, für Jugendlichen sowie für Eltern und PädagogInnen.

