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Was ist „Gender“?

Gender ist ein Fachbegriff für das heute in der Wissenschaft anerkannte Verständnis von „Geschlecht“ im Zusammenhang mit weiteren Kategorisierungen wie Klasse, Alter, Religion oder sexueller Identität.

Mit dem Begriff „Geschlecht“ werden im Alltag meist biologisch fixierte Unterschiede assoziiert, die im Englischen im Gegensatz zu Gender als „sex“ bezeichnet werden. Was genau Geschlecht in Medizin und Biologie bedeutet, hat sich historisch vielfach geändert und ist immer abhängig von
gesellschaftlichen Normen. Heute wird Geschlecht mehrdimensional verstanden. Das biologische Geschlecht ist also nicht die Grundlage von Gender, sondern ein Teil davon. Der Begriff Gender vermeidet eine Fixierung auf Biologie. Gender signalisiert, dass Geschlecht keine 'natürliche' Gegebenheit ist. Gender markiert das Zusammenspiel aus biologischen Faktoren wie dem Chromosomensatz, historischen und sozialen Faktoren wie der geschlechtlichen Arbeitsteilung, kulturellen Faktoren wie Kleidung oder Haarschnitt oder die Art, Menschen zu adressieren, und rechtliche bzw. politische Faktoren wie die Namensgebung, die nach deutschem Recht eine eindeutige Zuordnung zu einem Geschlecht erzwingt.

Gender bringt auch zum Ausdruck, dass es nicht „die Männer“ und „die Frauen“ als einheitliche Gruppen gibt. Die Lebenslagen von jungen und älteren Männern, von Frauen auf dem Land und in Städten, von Männern mit und ohne Kinder sehen ganz unterschiedlich aus. Oft unterscheiden sich Lebenslagen nicht in erster Linie nach dem Geschlecht, meist aber spielen Geschlechternormen eine Rolle.

Die Gender Studies verstehen Gender als interdependent oder intersektional. Sie untersuchen Ungleichheiten hinsichtlich des Geschlechts im Zusammenwirken mit Rassismus oder Behindertendiskriminierung oder anderen sozialen Ungleichheiten. Gender ist folglich der Fachbegriff, um auch auf das Geschlecht bezogene Phänomene zu benennen.

Gender war lange Zeit vor allem eine Kategorie, die innerhalb der akademischen Frauen- und Geschlechterforschung diskutiert wurde. Es gibt weltweit viele Universitäten, die in Studiengängen der „Gender Studies“ die Entwicklungen von Geschlechterverhältnissen wissenschaftlich untersuchen und lehren. Die Humboldt-Universität zu Berlin war die erste Universität in Deutschland, die 1997 einen transdisziplinären Magisterhauptfachstudiengang Geschlechterstudien / Gender Studies einrichtete. Inzwischen sind viele weitere Studiengänge der „Gender Studies“ entstanden. Im Zuge der Implementierung der Strategie Gender Mainstreaming hat sich der Begriff Gender aus akademischen Kontexten gelöst und taucht heute vielerorts in politischen und alltagsweltlichen Diskussionen auf.

Praktisch-politische Ausprägungen und Wirkungen von Gender zeigen sich in vier Dimensionen, auf welche die Europäische Kommission mit Verweis auf die OECD Bezug nimmt:
  • die Repräsentation in Politik und Gesellschaft (z.B. Beteiligung an Entscheidungen, öffentliche und private Arbeitsteilung zwischen den Geschlechtern)
  • die Lebenslagen (z.B. Wohlstand, Armut, Betroffenheit von Gewalt und Ausgrenzung)
  • die Ressourcen (z.B. Verteilung von Zeit, Geld, Mobilität oder Information) und
  • die Normen und Werte (z.B. Stereotype, Rollenzuweisungen, Bilder, Sprache).
Politische Maßnahmen wirken unmittelbar oder mittelbar auf Frauen und Männer in ihren vielfältigen Lebenslagen. Politik muss folglich bei der Planung und Durchsetzung von Maßnahmen und Gesetzen die Vielfalt der Lebenslagen berücksichtigen, sonst geht sie an ihren „Zielgruppen“ vorbei. Sie kann hier mit unterschiedlichen Mitteln ansetzen: Bestehende Diskriminierungen müssen z.T. durch kompensatorische Maßnahmen korrigiert werden (wie z.B. durch Frauenförderung). Des weiteren muss es Anreize für diejenigen geben, die sich aus einschränkenden Rollenmodellen lösen wollen (z.B. durch Elternzeit-Modelle). Gleichzeitig müssen Ursachen und Wirkungen der gegenwärtigen Geschlechterverhältnisse analysiert werden, um sie verändern zu können (z.B. mit einer Gestzesfolgenabschätzung). Der Umgang mit Gender muss also genauso vielfältig sein wie Gender selbst.

Weitere Erklärungen zu Gender finden Sie hier:
  • "Sex" und "Gender"

  • Geschlecht als "sozial konstruierte Kategorie"

  • Geschlecht als "Strukturkategorie"

  • Geschlecht als "Analysekategorie"

  • Gender - immer relevant?

  • Gender und Gleichstellungspolitik

  • Lebenslagen

  • Kategorisierungen

GenderKompetenz

Weiterführende Literatur und Links:

  • Becker-Schmidt, Regina/ Knapp Gudrun-Axeli: Feministische Theorien zur Einführung. Hamburg 2000.
  • Europäische Kommission: Leitfaden zur Bewertung geschlechtsspezifischer Auswirkungen
  • Baer, Susanne / Enders-Dragässer, Uta / Kuhl, Mara / Kreß, Brigitta / Sellach, Brigitte: Wissensnetz Gender Mainstreaming für die Bundesverwaltung, Frankfurt am Main und Berlin, Dezember 2003.
  • Zentrum für transdisziplinäre Geschlechterstudien an der Humboldt-Universität zu Berlin (Hg.): Geschlechterstudien im deutschsprachigen Raum - Studiengänge, Erfahrungen, Herausforderungen. Trafo Verlag, Berlin 2004.




Eine druckfreundliche pdf mit allen Texten können Sie hier herunterladen.


Gender Lecture mit Prof. Dr. Nina Degele: "Ich sehe was, was du auch siehst." - Stereotypisieren, reifizieren und intersektionalisieren in der Geschlechterforschung

Bericht von der Konferenz "Celebrating intersectionality? Debates on a multi-faceted Concept in Gender Studies", 22.-23. Januar 2009"

Bericht vom Workshop "Facetten der Intersektionalität. Zur Produktivität einer Forschungsperspektive", 25.-27.1.2008

Bericht vom wissenschaftliches Vernetzungstreffen "Gender und Diversitätsmanagement", 3. und 4. Mai 2007 Wien

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Letzte Aktualisierung 31.03.2009
 
 
Lehrstuhl Prof. Dr. S. Baer LL.M.
 
 

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