Workshop Facetten der Intersektionalität. Zur Produktivität einer Forschungsperspektive
Das Konzept der „Intersektionalität“ wird für theoretische und empirische Forschungen zu den Entstehungsprozessen von gesellschaftlichen Ungleichheiten zunehmend bedeutsamer. Dabei bezeichnet Intersektionalität einen Ansatz, der die Wechelwirkung von unterschiedlichen Ungleichheitskategorien wie Geschlecht, Klasse und Race in der Analyse gesellschaftlicher Prozesse mit einbezieht. Ähnlich wie das Konzept der Interdependenzen, dass in der Gender-Forschung die Kategorie Gender in Wechselwirkung mit ethnischer Herkunft, Alter, sexueller Orientierung, Religion, Kapazität und sozialer Herkunft sieht.
Wissenschaftler und Wissenschaftlerinnen aus den Sozialwissenschaften und Kulturwissenschaften sowie Praktiker_innen diskutierten am 25. – 27. Januar in Hamburg die Reichweiten und Grenzen des Konzeptes.
Zum Auftakt der Veranstaltung stellten Prof. Dr. Gabriele Winker von der Technischen Universität Hamburg-Harburg und Prof. Dr. Nina Degele von der Universität Freiburg ihr Verständnis von Intersektionalität als Mehrebenenanalyse vor. Anhand einer soziostrukturellen Analyse von 12 narrativen Interviews mit Fokus auf Bewältigungsformen von Erwerbslosigkeit veranschaulichten Winker und Degele ihr Vorgehen.
Ziel des Mehrebenenmodells ist, die Entstehung von Kategorien der Ungleichheit in ihrem spezifischen Kontext und ihrer jeweiligen Wechselwirkung zu erfassen. Ihr intersektionaler Ansatz beinhaltet die Analysekategorien Klasse, Geschlecht, „Rasse“ und Körper, deren Wechselwirkung auf 3 Ebenen untersucht werden soll, der Ebene der Gesellschaftsstrukturen, Identitätskonstruktionen und symbolische Repräsentationen. In dem Beispiel zum Thema Erwerblosigkeit sind dabei folgende Fragen zentral: Wie wird im Zusammenhang mit Arbeit über die Kategorien Klasse, Geschlecht, „Rasse“ und Körper auf den folgenden Ebenen gedacht?
1. Gesellschaftsstruktur - Kategorien Klasse, Geschlecht, „Rasse“ und Körper differenzieren und regeln den Zugang zum Erwerbsarbeitsmarkt, die ungleiche Verteilung von Löhnen und Gehältern sowie die möglichst kostengünstige Reproduktion der Arbeitskraft.
2. Symbolische Repräsentationen - Welche Normen und Stereotypen werden über die Kategorien Klasse, Geschlecht, „Rasse“ und Körper vermittelt und wirken auf die Individuen in ihrem Identitätsverständnis und alltäglichem Handeln?
3. Identitätskonstruktion – Welche Kategorien verwenden erwerbslose Individuen zu Beschreibung ihres Alltags und ihrer Identität? Hierbei können mehrere Kategorien auftauchen. Winker und Degele haben in ihrer Forschung zu Erwerbslosigkeit folgende entwickelt: Arbeit, Einkommen/Vermögen, Bildung, Soziale Herkunft/Familie/Soziale Netze, Generativität, Geschlechtszuordnung, sexuelle Orientierung, nationalstaatliche Zugehörigkeit, Ethnizität, Region, Religion/Weltanschauung, Alter, körperliche Verfasstheit/Gesundheit, Attraktivität. So hängt der Zugang zum Erwerbsarbeitsmarkt von Kompetenzen wie Bildung und das Eingebundensein in soziale Netze ab, gleichzeitig aber auch von individuellen Zuschreibungen wie „zu alt“ oder „ethnisch nicht passend“.Die Mehrebenenanalyse soll differenzierte Erkenntnisse über die Entstehungsmechnismen von Erwerbslosigkeit und die Lebenslagen von Erwerbslosen liefern. Dies soll zu einem besseren Verständnis von gesellschaftlichen Prozessen führen und fundierte Anknüpfungspunkte für politisches Handeln ableiten können. Weitere Informationen zum Ansatz der Mehrebenenanalyse finden Sie im Manuskript von Nina Degele und Gabriele Winker.
Zur Produktivität der Forschungsperspektive Intersektionalität im Hochschulwesen berichtete Dr. Christine Riegel von der Universität Tübingen.
Sie untersuchte, auf welche Weise im universitären Alltag Differenzlinien entlang bestimmter Kategorien konstruiert werden, die zu Ausschlüssen aus der Universität oder zur Abwertung der Qualität wissenschaftlicher Arbeit führen.
Riegel analysierte unter anderem, welche Auswahlkriterien für die Zulassung von BA und MA Studierenden ausschlaggebend wurden. Sie zeigte auf, dass die Auswahlkommission vor Allem Wert auf die Kategorien Sprache und Herkunftshochschule Wert legten. Riegel schließt daraus, dass in den Entscheidungsprozessen der Auswahlkommissionen indirekt die Kategorien Ethnizität und Nationalität Differenzlinien zwischen den Bewerbenden bestimmen und Ausschlüsse produzieren. Sie führt aus, dass die Kommissionsmitglieder Menschen mit unzureichenden deutschen Sprachkenntnissen als Problem für den alltäglichen universitären Ablauf und damit als eine Störung für effizientes Arbeiten ansehen. Die Nichtzugehörigkeit zur eigenen Hochschule verbanden die Kommisionsmitglieder mit einer unzureichenden Qualität des wissenschaftlichen Arbeitens . Riegel zeigt auf, dass durch diese Kriterien ein Prozess der Homogenisierung unter der Studierendenschaft begünstigt wird. Die Vorstellung von einer homogenen Konstellation des wissenschaftlichen Personals wird mit besonders hoher Effizienz verknüpft. Potenziale, die aus einer heterogenen Zusammensetzung der Studierenden und Lehrenden entstehen könnten, werden durch die Verbindung von Homogenität und Effizienz unsichtbar und bleiben ungenutzt.
Kerstin Piepenstock, Promovendin des Graduiertenkollegs „Geschlecht als Wissenskategorie“ an der Humboldt Universität zu Berlin, stellte ihre Forschung zum Thema „Gewalt an Schulen“ vor. Sie untersucht, wie sich Vorstellungen über Geschlecht auf der sprachlichen Ebene in die Wissensproduktion der bundesdeutschen Forschung zu Gewalt an Schulen wiederfinden.
Ihre Analyse fokussiert den Kategorisierungsprozess von Gender und inwiefern durch Ein- und Ausschlussmechanismen Normierungen sowie Hierarchisierungen im Kontext von Gewalt hergestellt werden. Kerstin Piepenstock verdeutlichte, dass in dem Diskurs über Gewalt an Schulen die Gewalt gegenüber homosexuellen oder transidentischen (Menschen, die sich mit dem Gegengeschlecht identifizieren) Schüler_innen eine Blindstelle darstellt, da die Vorannahmen in der Forschung von Heteronormativität geprägt sind.
Weitere Forschungen der Sozial- und Kulturwissenschaften wurden auf diesem Workshop vorgestellt. Hier finden Sie das vollständige Programm des Workshops.
Es zeigte sich, dass das Konzept der Intersektionalität aus sozial- wie auch kulturwissenschaftlicher Perspektive als produktiver Analyserahmen zur Erforschung von gesellschaftlichen Ungleichheitsstrukturen angesehen wird. Gleichzeitig blieb offen, inwiefern die Komplexität der Forschungsergebnisse, die durch eine Intersektionaltätsanalyse aufgezeigt werden, in Einklang mit einem Wissenschaftsverständnis gebracht werden können, dass Komplexität reduzieren möchte.
So bleibt die Auseinandersetzung um das Konzept der Intersektionalität ein „work in progress“, wie die Organisator_innen der Queer- und Gender Studies in Hamburg es formulierten. Im Laufe des Jahres sollen weitere Veranstaltungen zu dem Thema folgen.
Erarbeitet von Anna Bozena Hartung

