Gleichstellungspolitik heute - Zum Internationalen Frauentag 2008
Sind nicht inzwischen alle Frauen gleichberechtigt und die Forderungen der Frauenbewegungen längst erreicht? Ist überhaupt noch von einem „Wir Frauen“ auszugehen, das alle Frauen weltweit in ihren Interessen und Forderungen verbindet? Frauen sind aufgrund ihrer unterschiedlichen Lebenslagen heute in sehr unterschiedlicher Weise von Benachteiligungen betroffen. Gleichstellung meint heute die gleichberechtigte Teilhabe und Wahlfreiheit für Frauen jeden Alters, für arme, reiche, gesunde, kranke, hetero-, homo- oder bisexuelle, religiöse oder atheistische Menschen, damit also auch für Männer, Jungen und für Menschen, die sich als Transgender identifizieren. Gleichstellungspolitik adressiert Frauen und Männer, und zwar Väter und Mütter, Lesben und Schwule, Migrantinnen und Migranten, Menschen also mit verschiedenen sozialen, ethnischen, kulturellen oder nationalen Zugehörigkeiten – kurz: Menschen in ihrer Vielfalt. Das bedeutet:
-
Gleichstellungspolitik muss so facettenreich wie die individuellen Lebenslagen und Bedürfnisse von Frauen und Männern sein – es gibt heute also mehrere gleichzeitige Gleichstellungspolitiken in verschiedenen fachlichen Zusammenhängen – aber ein Ziel: Gleichstellung.
-
Moderne Gleichstellungspolitik muss umfassend angelegt sein – sie ist sich der vielfältigen und komplexen Lebenslagen, aber auch der Machtverhältnisse unter Frauen und unter Männern bewusst und nimmt auch diese zum Ausgangspunkt des Handelns.
Ein systematisches, gleichstellungsorientiertes administratives und politisches Handeln ist also ebenso gefragt wie ein Bewusstseinswandel in der Bevölkerung – Gleichstellung ist ein Gewinn, keine Bedrohung. Von Bedeutung ist dabei auch der Transfer der wissenschaftlichen Erkenntnisse aus den Geschlechterstudien in die Praxis, da mittlerweile umfängliches Wissen über die Bedeutungen von Geschlecht, über Ausmaß, Gestalt und Folgen von Diskriminierung und Privilegierung und über „Interdependenzen“ vorliegen, also zu der Frage, wie verschiedene soziale Ausgrenzungskategorien zusammenwirken. Eine auf dieser Grundlage konzipierte Gleichstellungspolitik verwirklicht damit die Versprechen der Grund- und Menschenrechte, Frauen und Männer hinsichtlich des Geschlechts und der sexuellen Identität, der ethnischen und sozialen Herkunft und des Glaubens, der geistigen, psychischen, physischen Kapazitäten und des Alters vor Diskriminierung zu schützen bzw. jeder Diskriminierung aktiv entgegen zu wirken. Gleichstellung als Ziel von Gleichstellungspolitik anerkennt also aktiv vielfältige Lebenslagen.
Der Internationale Frauentag ist Anlass, die Anstrengungen zu intensivieren, den Gleichheitsgrundsatz für alle Menschen durchzusetzen, und sich für den weltweiten Abbau von Diskriminierung zu engagieren. Gleichstellungspolitik in Deutschland hat zwar schon viel erreicht, aber auch noch viel vor sich, um die in Artikel 3 Absatz 3 des Grundgesetzes geforderte tatsächliche Gleichstellung umzusetzen.
In Deutschland finden derzeit in verschiedenen Politikfeldern Aktivitäten für ein Mehr an Gleichstellung statt. Dazu gehört der Schutz vor Gewalt mit dem Aktionsplan zur Bekämpfung von Gewalt gegen Frauen; Maßnahmen zur politischen Partizipation von Frauen und die Erhöhung von Frauen in Führungspositionen Wirtschaft und Wissenschaft wie das „Professorinnenprogramm“, Initiativen zum Abbau von Stereotypen sowie der Verbesserung der Vereinbarkeit von Familie und Beruf. Andere Themen müssen erst noch angegangen werden. Dazu gehört die Realisierung einer gleichstellungsorientierten Ressourcenvergabe, also ein „Gender Budgeting; die Herstellung besserer Bildungschancen für Mädchen und Jungen mit Migrationshintergrund; die Sicherung der Menschenrechte für Flüchtlinge; die tatsächliche Gleichstellung von gleichgeschlechtlichen Partnerschaften und der Abbau von Sexismus, Homophobie und Rassismus beispielsweise in den Massenmedien.
Aktuelle Gleichstellungspolitik knüpft an europäische Vereinbarungen zu Gleichstellung an und greift zentrale Themen der Frauenbewegung wie die ökonomische Unabhängigkeit von Frauen, die gleichberechtigte Teilhabe von Frauen und Männern am Erwerbs- und Familienleben sowie die politische Partizipation von Frauen auf. Die Themen sind:
-
„Gleicher Lohn für gleiche Arbeit“
Diese Forderung der Ersten Frauenbewegung ist bis heute nicht realisiert. Lohngleichheit bleibt eines der zentralen Ziele von aktueller Gleichstellungspolitik, denn: Frauen verdienen in Deutschland bei gleicher Arbeit immer noch ca. 20% weniger als Männer – in Ostdeutschland lediglich 11,7 %, in Westdeutschland 20,1 % (der EU-25 Durchschnitt liegt nach einer vergleichenden Studie der Europäischen Kommission 2007 bei etwa 17%, siehe „Gender Pay Gap — Origins and policy responses - A comparative review of 30 European countries”). Der EU-Fahrplan für die Gleichstellung von Frauen und Männern 2006-2010 macht das Thema „geschlechtsspezifische Einkommensunterschiede“ und „Gender Budgeting“ zum aktuellen Anliegen von europäischer Gleichstellungspolitik. Auch die Frauenrechtskommission, das zentrale Organ der Vereinten Nationen, das sich für die Gleichstellung der Geschlechter und die Förderung von Frauen (Advancement of Women) einsetzt, widmet sich im Jahr 2008 dem Schwerpunktthema „Finanzierung von Geschlechtergerechtigkeit“ („Financing for gender equality and the Empowerment of Women“).
-
Die Vereinbarkeit von Arbeit und Privatleben
Die gleichberechtigte Teilhabe von Frauen am Erwerbsleben und von Männern am Familienleben ist bis heute nicht realisiert. Solange jedoch Frauen und Männer nicht gleichviel verdienen, haben sie als Eltern auch keine echte Wahlfreiheit bei der Entscheidung, wer in Elternzeit geht. Heutzutage sind es weiterhin vor allem Frauen, die die Familien- und Hausarbeit leisten und eine Doppelbelastung von Beruf und Familie auf sich nehmen müssen. Neben einer immer noch mangelhaften Kinderbetreuung liegt hier ein wichtiger Ansatzpunkt in der Überwindung von Rollenstereotypen in Beruf, Familie und Gesellschaft.
Das Ziel Gleichstellung - so aktuell wie eh und je
„Gender Mainstreaming“, „Gleichstellung als Querschnittsaufgabe“ oder „Chancengleichheit“ - es gibt inzwischen viele Begriffe für Gleichstellungspolitik. Zuweilen tauchen daneben auch Bezeichnungen wie „Mainstreaming Aging“, „Cultural Mainstreaming“, „Family Mainstreaming“ oder „Diversity Mainstreaming“ auf. Entscheidend ist, dass Benachteiligungen aufgrund verschiedener Lebenslagen nicht gegeneinander ausgespielt werden, sondern es um strukturelle und inhaltliche Veränderungen geht, die zu gerechten Arbeits- und Lebensverhältnisse führen.
Weitere Informationen zum Internationalen Frauentag und zu Gleichstellungspolitik heute:
-
EU Bericht zur Gleichstellung von Frauen und Männern 2008 - Herausforderung für die Mitgliedstaaten
-
Einen kurzen Rück- und Ausblick auf politische, wissenschaftliche und gesellschaftliche Herausforderungen von Gleichstellungspolitik heute finden Sie in: Sandra Smykalla/Susanne Baer: „Ein Blick zurück nach vorn, oder: Warum Gleichberechtigung und Feminismus immer noch aktuell sind“ In: Betrifft Mädchen. Rückenwind oder Gegenwind? - Gender Mainstreaming, 21 (2008) 1, S. 4-10.
Hier können Sie den Text als druckfreundliche pdf-Datei herunterladen.

