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20 Jahre Intersektionalität – Vom juristischen Problem der Mehrfachdiskriminierung zur interdisziplinären Forschungsperspektive

Bericht von der Konferenz "Celebrating Intersectionality? Debates on a multi-faceted Concept in Gender Studies", 22. und 23. Januar 2009, Goethe-Universität Frankfurt a.M.


Vor 20 Jahren prägte Kimberley Crenshaw den Begriff der „Intersectionality“. Die Juristin analysierte damit ein umstrittenes Gerichtsurteil: Schwarze Frauen führten eine Diskriminierungsklage gegen einen großen Automobilkonzern. Da der Konzern Frauen einstellte, lag angeblich keine Diskriminierung nach Geschlecht vor, und da er Schwarze (Männer) einstellte, lag angeblich keine rassistische Diskriminierung vor. Aber in diesem Fall war es gerade die Überkreuzung, die „Intersection“, die zu einer besonderen Betroffenheit führte. Seither wurde das Konzept Intersektionalität zunächst in der Schwarzen Frauenrechtsbewegung und den Gender Studies in den USA und bald auch in Europa und weltweit diskutiert. Neben dieser Erfolgsgeschichte waren Forschungserbebnisse und Diskussionen über die weitere Entwicklung des Konzeptes Themen der Konferenz.

Die Planerinnen der Konferenz um Prof. Dr. Helma Lutz haben ein Programm entlang von sehr grundsätzlichen Fragestellungen entwickelt. Das Programm und die vielen prominenten Namen führten dann auch dazu, dass fast 200 Teilnehmende den großen Saal Im Casino des Campus Westend füllten. Am ersten Tag sollte es um die Fragen gehen, warum Gender Studies das Konzept brauchen und es sollte die Geschichte und die transatlantische Reise des Konzeptes gehen, bei dem es vielfältige Modifikationen erfuhr. Am Vormittag des zweiten Tages wurden empirische Forschungsergebnisse vorgestellt, während der Nachmittag Raum bot für die Diskussion über die weitere Arbeit am Konzept Intersektionaliät.

Intersectionality – Ein „reisendes Konzept“ zwischen Buzzword und Grunderneuerung der Gender Studies

Eröffnet wurde die Tagung durch die Antrittsvorlesung von Prof. Dr. Lutz an der Goethe-Universität. Sie rekonstruierte den Diskurs über die „Intersections“ der Trias „Class, Race, Gender“ historisch und inhaltlich von den Ursprüngen in Schwarzer Frauenrechtsbewegung bis zur gegenwärtigen weltweiten Rezeption. Sie wies dabei auch auf die Gefahr hin, dass der Erfolg und der inflationäre Gebrauch des Begriffs dazu führen könnte, dass „Intersectionality“ zur leeren Formel, zum „Buzzword“ verkommen könnte.

Aus den Vorträgen des ersten Tages wurden Gemeinsamkeiten und Unterschiede deutlich. Wurde Intersectionality in seinen Ursprüngen in den USA vor allem von der Schwarzen Frauenbewegung entwickelt, um auf ihre besonderen Identitäten und Lebenslagen in den Kreuzungspunkten von Class, Race, Gender hinzuweisen, so wurde die Trias bald geöffnet und in dem Bestreben der Frauenbewegung, niemanden auszuschließen, erweitert um Behinderung / Befähigung, sexuelle Orientierung, und häufig mit einem etc. abgeschlossen. Kathy Davis und Myra Marx Ferree beleuchteten, wie die (erweiterte) Trias von „Class, Race, Gender“ bei ihrer Reise über den Atlantik verändert wurde und wie in der stärker theoretisch und an der Kritik von Machtstrukturen orienterten europäischen Diskussion der Begriff der Intersektionalität eine Art Neuerfindung erfuhr (Kathy Davis). Myra Marx Ferree verwies darauf, dass die US-amerikanische Debatte über Gender und Intersektionalität stark durch die politische Diskussion über rassistische Ungleichheit geprägt ist, während in Kontinentaleuropa eher eine am Interventionsstaats orientierter und vom Konzept Klasse beeinflusster Diskurs Einfluss auf Rezeption des Konzeptes Intersektionalität hatten. Damit einher gingen vielfältige Modifikationen des Konzeptes „Race“, z.B. die Ersetzung durch „Kultur“ (Lutz) oder auch Ethnie.

Relative Einigkeit gab es in der Frage, was Intersektionalität bisher ist: eine interdisziplinäre Forschungsperspektive, die Ausschlüsse und Diskriminierungen sowohl in der Gesellschaft als auch in der Wissenschaft problematisiert, woraus sich ein besonderer erkenntnistheoretischer und methodischer Zugang zu Ungleichheiten ergibt. Dass die als Identitätskategorien ins Spiel gebrachten Begriffe „Class, Race, Gender“ auf Dominanzverhältnisse verweisen, war ebenfalls Konsens wie die Beschwörung der Gefahr, „Intersectionality“ zum „Buzzword“ (Modewort) ohne spezifischen Inhalt verkommen zu lassen.

Interdisziplinäre Vielfalt und der Ausblick auf mögliche Weiterentwicklungen

Der Freitagvormittag stand ganz im Zeichen der interdisziplinären Vielfalt der Forschung. Die theoretisch fundierten Vorträge reichte von der intersektionalen Betrachtung von Identitäten in transnationalen Familien (Ann Phoenix), über das Zusammenwirken rassistischer und sexistischer Diskriminierung in den Niederlanden anhand eines Beispiels aus zeitgenössischer Literatur (Gloria Wekker), der Frage, wie marginalisierte Männlichkeiten im Strafvollzug versuchen, Ansehensverluste durch Hypersexualisierung zu kompensieren (Mechthild Bereswill), der Analyse medialer Darstellungen von Folteropfern nach Ethnie und Geschlecht in Kroatien und in der Darstellung des Folterskandals von Abu Ghoreib (Dubravka Zarkov), bis hin zu Befunden über das Embodiment, die Verkörperung von Geschlecht im Tango (Paula Villa).

Die Beiträge waren nur wenig aufeinander abgestimmt, vermittelten aber, dass Intersektionalität eine fruchtbare Forschungsperspektive für vielfältige Fragestellungen und Disziplinen ist. Mehr Informationen über die einzelnen Vorträge finden sie auf der Konferenzhomepage.

Der Ausblick auf die Zukunft von Intersektionalität wurde von Jeff Hearn eröffnet, der vor allem auf die wenig beforschten Aspekte von Männlichkeiten als zukünftige Forschungsfelder verwies: Altern, (age/ing), wie die Nutzung des Internets Geschlecht verändert (virtuality) und welche Auswirkungen neue Migrationsmuster auf Geschlecht haben (transnationality).
Kimberlé Crenshaw gab einen sehr persönlich gehaltenen Bericht darüber, wie sie auf den Begriff kam und unterstrich, dass es sich dabei um ein Allgemeingut im Besten Sinne handele.
Die Vorträge von Nina Lykke und Cornelia Klinger standen in einem interessanten Spannungsverhältnis zwischen dem Ansatz, die plurale Diskursentwicklung über Intersektionalität weiter zu fördern und dem Anspruch theoretischer Synthese. Lykke unterstrich die Vielfalt feministischer Diskurse und wandte sich deutlich gegen eine Schließung und Homogenisierung der Diskurse über Intersektionalität. Währenddessen plädierte Klinger für die Entwicklung einer intersektionalen Gesellschaftstheorie und skizzierte ihren Vorschlag in groben Zügen, wie sie auch schon in dem Sammelband ÜberKreuzungen (Hg. Klinger / Knapp, Westfälisches Dampfboot) veröffentlicht sind. Wie in der Diskussion deutlich wurde, sah Lykke ebenso wie Teile des Publikums in der Entwicklung einer solchen Theorie die Gefahr der Privilegierung einzelner Ungleichheiten. Die Befürwortenden klagen dagegen ein gesellschaftstheoretisches, strukturelles Verständnis für die Zuweisung individueller Ungleichheiten ein.

Für weitere Informationen steht die Konferenzhomepage weiterhin bereit. Dort werden neben dem Programm auch die Abstracts der Beiträge bereitgestellt. Demnächst sollen dort nach Auskunft der Veranstalterin auch die Videos der Vortäge erhältlich sein.

MaK



Gender

Gender Lecture mit Prof. Dr. Nina Degele: "Ich sehe was, was du auch siehst." - Stereotypisieren, reifizieren und intersektionalisieren in der Geschlechterforschung

Bericht vom Workshop "Facetten der Intersektionalität. Zur Produktivität einer Forschungsperspektive", 25.-27.1.2008

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Letzte Aktualisierung 24.02.2009
 
 
Lehrstuhl Prof. Dr. S. Baer LL.M.
 
 

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